Barpiano Live Musik

Wenn sich Leute über meine Arbeit erkundigen und ich ihnen erzähle, dass ich Barpianist bin und den ganzen Abend Klavier spiele, höre ich ganz oft die gleichen Fragen: Echt, die ganze Zeit? Was spielst du denn da? Und klingt das nicht alles irgendwann gleich? „Nein“, sage ich und „zum Glück nicht, mein Programm geht mehrere Stunden und umfasst hunderte Stücke. Ich bin quasi ein lebendiger USB-Stick“. Ab und zu schlussfolgern daraus einige Wenige „Ah, also kannst du auch Rock-Musik, wie ACDC und Metallica“. Darauf ich: „Ja, Nothing else matters, November Rain oder This I love von Guns‘n Roses wird sich vor allem zu Hochzeiten gern gewünscht“. Dies ist aber die Ausnahme. Mein Programm lässt jedenfalls keine Langeweile aufkommen und teilt sich grob in 4 verschiedene Stile auf.

Die vier großen Stile des Barpiano

BarpianistInnen müssen eine immense Bandbreite an Liedgut kennen. Ich richte mein Repertoire daher nach bekannter Musik wie Pop-Songs und Schlager (1), Jazz und Swing (2), ausgewählte Klassik (3) und Blues bzw. Latin (4) aus. Im Dezember hat sich noch ein Extra-Stil fest etabliert – die Weihnachtsmusik „last christmas I give you…“

Die meisten Songs aus meinem Repertoire sind ausnahmslos zwischen Pop und Schlager angesiedelt. Alles Stücke aus dem Mainstream-Bereich, die man kennt, liebt oder auch hasst. Hier gehören Ed Sheeran, Elton John, Stevie Wonder und genauso auch Udo Jürgens und Helene Fischer dazu. Aber das ein oder andere traditionell-regionale Volkslied wie das Steigerlied, Happy Birthday, ein Prosit der Gemütlichkeit oder Hava Nagila dürfen auch nicht fehlen.

Jazz und Swing Musik dagegen ist wesentlich spezieller und „unbekannter“. Aus dieser Sparte bediene ich mich, wenn Veranstalter bestimmte Themenpartys wie 20/30er Jahre Partys oder entspannte Dinner-Events und Cocktail-Abende wie aus Casablanca planen. Hits von Nat King Cole, Cole Porter, Louis Armstrong und natürlich Frank Sinatra lassen den eleganten Flair aus längst vergangenen Tagen neu aufleben oder vermitteln lockeres after-work Feeling. Mein kleiner grüner Kaktus passt hier erfahrungsgemäß auch immer gut rein.

Da BarpianistInnen vor allem nach Gehör und mit minimalem Noteneinsatz spielen, ist der klassische Bereich, zumindest bei mir, etwas freier und nicht Ton-für-Ton exakt. Die Stimmung steht an oberster Stelle und das Stück samt Melodie muss erkennbar sein um zum weiteren Träumen anzuregen. Neben großen Meistern wie Johann Sebastian Bach und Robert Schumann zählen in diesen Bereich ebenso die neueren New-Age KomponistInnen und MinimalistInnen wie Yiruma und Ludevico Einaudi.

Das man zu Blues und Boogie Woogie richtig gut mitwippen kann, hat jeder erfahren der B.B. King oder John Lee Hooker kennt. Noch stresslösender und entspannender ist beim vierten großen Stil allerdings die lateinamerikanische Musik – liebevoll „Fahrstuhlmusik“ genannt. Stan Getz‘ Version von Desafinado ist das dafür wohl bekannteste Stück.

So unterschiedlich klingt Barpiano an drei verschiedenen Abenden

1. Abend mit 100 hungrigen Gästen:

Um einen typischen Abend mit „Löffelmusik“ zu erleben, stell dir folgende Situation vor: du möchtest gemeinsam mit deinem Partner Zeit verbringen und ihr geht an einem warmen Sommerabend in ein romantisches Restaurant. Während ihr den Sonnenuntergang verfolgt und mit einem kühlen Aperitif anstoßt, führen euch wohlige Klavierklänge noch enger zusammen. Das mit dem Sonnenuntergang klappt leider nicht immer, dafür laufen aber die meisten Abende an denen ich gebucht bin durchaus entsprechend ab. Es gibt aber auch andere…

2. Abend mit 500 feierwütigen Gästen:

Letztes Jahr war ich für eine ganze Saison bei einem Event-Veranstalter gebucht, bei welchem ich durchschnittlich 500 Gäste zum Abendessen bespielt habe. Dies waren keine gewöhnlichen Veranstaltungen, da alle Gäste nur aus einem Grund dort waren – zum Feier. Das grenzte mein Repertoire drastisch ein und ich fixierte mich zum Großteil auf den ersten Stilbereich, die Pop, Schlager- und auch Rock-Musik. Die Erfahrungen, die ich aus diesen Abend ziehen durfte waren: die Menschen wollten mitsingen und Spaß haben. Das bedeutete für mich als Dienstleister, ich musste bekannte Lieder klar und einfach spielen, ohne viel Jazzzz… Nach den ersten Abenden hatte ich mich eingegroovt und konnte den ganzen Saal tatsächlich zum Mitsingen animieren.

3. Abend mit 50 erholungsbedürftigen Gästen:

Eine gänzlich andere Stimmung erwartete mich bei weihnachtlichen Adventsfahrten auf einem kleinen Schiff unter Deck bei Kaffee, Glühwein und Stollen. Im Gegensatz zu 500 feiernden Menschen haben mich hier 50 Gäste von klein bis groß erwartet, die dem Weihnachtsfest entspannt mit der Familie und bei geringem Wellengang entgegen schippern wollten. Die Stimmung war intim, ich hatte viel mehr Kontakt mit den Gästen und konnte weitaus subtiler mit dem Publikum interagieren. Das heißt, spätestens bei „Schneeflöckchen Weißröckchen“ wurde auch auf dem kleinen Kahn mitgesungen.

Ist Klaviermusik auf Dauer langweilig?

Den Satz „Barpiano spielen ist doch wie bezahltes Üben“, den ich von vielen meiner MusikerkollegInnen lächelnd zu hören bekomme, kann ich nicht unterschreiben. Barpiano ist viel mehr. Es ist nicht nur entscheidend welche Titel BarpianistInnen spielen, sondern auch wie. Die Stimmung vom einzelnen Event ist ausschlaggebend. Wie setzt sich das Publikum zusammen, wie groß ist die Location und was gibt es noch für besondere Merkmale. BarpianistInnen müssen nicht nur ein Auge fürs Detail bei Ihrer Liedauswahl beweisen, sondern ebenso für das „Drumherum“ um so einen denkwürdigen Abend für alle zu schaffen. Wie in der Gastronomie gilt auch hier in gewisser Weise „Der Gast ist König“ und seine Ohren sollen entsprechend gut behandelt und verwöhnt werden. Von Langeweile kann in keinster Weise gesprochen werden, dafür sind die Freiheiten beim Barpianospiel zu groß. So kann man auf die unterschiedlichsten Szenarien flexibel reagieren.

 

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Wie habe ich angefangen zu lernen? Mein erstes Buch über Barpiano:
Der Barpiano Profi von Michael Gundlach

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