Letztens saß ich mit meiner Frau in einem kleinen Cafe mitten in der Stadt. Leute kamen und gingen. Der Kaffee war gut. Es wirkte auf den ersten Blick recht gemütlich. Auf den zweiten aber eher unbehaglich.

Wir saßen vor unserem Kaffee und keiner hat etwas gesagt. Die Ohren waren aufgestellt und auf Empfang. Stille, trotz anderer Gäste. Man könnte meinen es war die Ruhe vor dem Sturm. Hätte man dann noch mit dem Löffel zu laut im Kaffee gerührt, wären vermutlich alle aufgesprungen, hätten sich zu dir umgedreht, mit dem Finger auf dich gezeigt und mahnend “SCHHHHT!!!” gezischt. Da half auch die gute Laune der Verkäuferin nichts mehr. Schon verrückt, was fehlende Hintergrundmusik für Paranoia auslösen kann.

Zwischen Lounge und Cocktail-Piano

Musik kann Stimmungskiller in mehrfacher Hinsicht sein: die falsche Musik, zu laute Musik oder komplett ohne Musik beim ersten Date, um das peinliche Schweigen noch unerträglicher zu machen.

Barpiano-Musik ist laut Wikipedia leichte – aber nicht gleich einfache – Musik, die ganz im Sinne des „Easy Listenings“ dem Gast mal mehr und mal weniger ins Ohr dringt. Sie reicht aus. Soll auf jeden Fall nicht aufdringlich sein und kann sich zwischen Pop, Jazz, Swing, Filmmusik bis hin zur Klassik bewegen. Das Genre ist entsprechend frei und Melodien mitunter auch improvisiert, weil der wesentliche Aspekt auf etwas ganz anderem liegt – der Atmosphäre.

Barpiano ist dezente Live-Hintergrundmusik in Restaurants, Bars und Hotels. Auch bekannt als Lounge und Cocktail-Piano.

BarpianistInnen sind das Spotify zum Anfassen

Aber nun stell dir vor, du gehst am Wochenende mit deinen Freunden in eine Bar um ein Glas Wein oder Bier zu trinken. Ihr wollt euch unterhalten und etwas Leckeres essen. Ihr habt die Bar beim Vorbeigehen entdeckt, sie sieht ganz interessant aus und ihr kehrt ein. Vielleicht ist dir gleich beim Reinkommen aufgefallen, dass da jemand am Klavier sitzt und spielt. Sogar richtig gut spielt. Und vielleicht blitzen dir dabei sogar Kindheitserinnerungen vom eigenen Klavierunterricht auf; von Freunden, die ein Instrument spielen können. Oder du schaust einfach bewundernd zur SpielerIn hoch. Ihr setzt euch an einen Tisch, lauscht der elegant dahin gleitenden Musik und du genießt den Abend mit deinen Freunden. Wenn man dich am nächsten Tag fragt, welche Songs du gestern gehört hast, kannst du dich vermutlich nur noch vereinzelt an bestimmte Titel erinnern.

Sicherlich wird dir schon klar, worauf ich hinaus will, die Musik war in dem Moment nur zweitrangig, jedoch für die Stimmung entscheidend. Dass Musik diese beeinflussen kann, müsste jedem spätestens seit Spotify klar sein. Happy Hits, Stimmungsmacher, Mood Booster, Life sucks – es gibt Playlists für nahezu alles und jeden. Ein Klick auf PLAY und man kommt sofort auf andere Gedanken, unabhängig davon, ob du den Song kennst oder nicht. Maßgeblich werden wir von dem Tempo, der Lautstärke, Dynamik, Melodie, kurz: (Achtung Esoterik!) der Schwingung beeinflusst. Sie überträgt sich auf unseren Körper und wir beginnen zu entspannen, zu tanzen oder mitunter auch aggressiv zu werden.

BarpianistInnen sind sozusagen das Spotify zum Anfassen und versuchen in ihrem Spiel eine für alle Gäste passende Atmosphäre und Stimmung zu kreieren. Diese Stimmung ist oftmals locker und gelöst und heißt für mich meistens immer eins – nicht zu laut spielen. Manchmal darf ich aber auch richtig in die Tasten hauen und mit einem Boogie Woogie oder bekannten Mit-Gröhl-Sing-Liedern die Party anheizen. Dies ist aber eher die Ausnahme. Dennoch müssen BarpianistInnen jederzeit auf spontane Stimmungsumschwünge gewappnet sein. Das bedeutet: langweilig wird es mit ihnen nicht.

Ist Barpiano noch modern oder altbacken aus längst vergangenen Zeiten zwischen Casablanca und den goldenen 20ern?

Nun, selbst Spotify hat Jahre der Entwicklung hinter sich und seit 2006 gelernt, seine Algorithmen zu optimieren. Genauso ist es bei BarpianistInnen. Egal ob als Autodidakt oder studiert – für einen gelungenen Abend benötigt es ein sehr breites Repertoire an Liedern (nur um eine Zahl zu nennen: 100 Stücke aus den verschiedensten Genres sind ein guter Startpunkt), Empathie gegenüber den Gäste und der jeweiligen Situation, Spontanität und unzählige verbrachte Stunden am Klavier. Man muss regelrecht verliebt in sein Instrument sein um – unabhängig vom häuslichen Üben – sich auch abends stundenlang an die Tasten zu setzen zu wollen. Ungeachtet dessen, ob jemand zuhört oder nicht.

Um die Frage zu beantworten: der Aufwand ist gleich, wenn nicht sogar größer als früher, da die Musikpräferenzen durch Spotify, Youtube etc. immer weiter auseinander driften und sich individueller entwickeln. Ob man als modern gilt liegt an jedem selbst und erfordert lebenslanges Musik hören, lernen und machen.

Fazit: BarpianistInnen sind leidenschaftliche und vor allem zeitlose MusikerInnen mit geübten Augen und Ohren für ihre Gäste.

Interessantes zum Weiterlesen

Wie wirkt Musik auf unser Gehirn?